Aus dem Bauch heraus

Spätestens mit dem Überschreiten des 30. Lebensjahr scheinen die Algorithmen im Internet ein weibliches Wesen in die Kategorie 'Mom to be' einzusortieren. Wurden mir mit 29 noch hauptsächlich gesponserte Posts von Brautmoden gezeigt, wurde nun hauptsächlich Umstandsmode und - nennen wir es "Babyzubehör" - beworben. Die witzigste Werbung aus dieser Sparte vereinte beide Bereiche und beworb stolz Umstandsbrautmoden. Passiert das, wenn man auf keine der anderen Werbeanzeigen reagiert? Vermutlich war es Zufall. Es lässt jedenfalls mit über 30 dann auch nicht lange auf sich warten, bis YouTuberinnen und Influencerinnen, denen man (vielleicht schon über längere Zeit) folgt, schwanger werden und ihre Posts ab diesem Zeitpunkt unter "Mom-Content" verbucht werden. 


Nun gleich der erste 'Pro-Tipp' an alle Moms-never-to-be wie mich: Entfolgt diesen Kanälen für eine Weile oder auch gleich für immer, klickt NIE, aber auch wirklich nie auf einen Vorschlag zum Thema Mutterschaft - ihr kommt aus dieser Rolle, die euch zugewiesen wird, wohl so schnell nicht mehr raus. YouTube, Facebook und Google scheinen zu denken, dass ich eine Frau Anfang 30 mit Kinderwunsch und tickender biologischer Uhr bin. Oder ihr entscheidet euch aktiv dazu, diese "Bombardierung" mit dem Thema Schwanger- und Mutterschaft auszuhalten.


Nein, Scherz bei Seite. Ich bin mitschuld an meinem Dilemma. Eigentlich weiß ich schon immer, dass ich keine Kinder möchte - quasi schon seit dem Kindergarten. Es hat ein paar kurze Momente in meinem Leben gegeben, wo ich kurz gedacht habe, Kinder seien vielleicht doch etwas für mich. Aus der Retrospektive betrachtet wird klar: Das waren sehr einsame Momentaufnahmen und ich wollte nur etwas oder jemanden, um nicht mehr so allein zu sein. Es war auch zu keinem Zeitpunkt ein ernst zu nehmender Wunsch - mehr ein Fragezeichen. Dieses Fragezeichen ist längst wieder weg und ein richtiger Kinderwunsch hat sich nie eingestellt. Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb man keine Kinder möchte, aber der beste und vielleicht auch der einzige, der wirklich zählt, ist wohl, dass man kein Bedürfnis danach verspürt. Mir gefällt die Mutter- bzw. Elternrolle nicht und mir fehlt nichts im Leben ohne Kind. Vielleicht verpasse ich was, aber ich fühle mich nicht so und ich vermisse nichts, was mir ein Kind geben könnte.


Aber zurück zu meiner Schuld. Je mehr ich mit dem Thema beschossen wurde, desto mehr habe ich mich gefragt, ob mein Keine-Kinder-Wunsch denn so ungewöhnlich ist - ergo, ob mit mir was nicht stimmt. Nein, das muss ich korrigieren. Ich weiß, dass mit mir was nicht stimmt. Aber ich wollte wissen, ob mein nicht vorhandener Kinderwunsch auf meine psychischen Probleme zurückzuführen ist oder ob es nicht auch ganz normal sein kann, keine Kinder zu wollen. Also habe ich Videos zum Thema Schwangerschaft geschaut und Blogposts zum Thema Kindererziehung gelesen, um zu verstehen, warum sich andere Frauen wünschen, was mir ferner kaum sein könnte. Die richtige Erleuchtung hat das nicht gebracht. 


Stattdessen ist die Kluft zwischen gebärwilligen Frauen und mir als gebärunwilliger Frau nur noch größer geworden. Es ist mitunter pures Unverständnis, das sich bei mir einstellt. In der aktuellen KoK (Kochen ohne Knochen) hat die Alles-ist-supi-dupi-ich-backe-die-Welt-vegan-Yoga-happy-hippo-Autorin Stina Spiegelberg ihre vegane Schwangerschaft verkündet und in einem kurzen Artikel dokumentiert / kommentiert. Als ich dachte, die Frau kann mir, obwohl sie Veganerin ist, kaum noch unsympathischer werden mit ihrem Mantra "Bake the world a better place" (und trete bloß keinem Leichenesser auf die armen Füßchen), wird sie schwanger! Warum nur lese ich solche Artikel? Vermutlich rege ich mich gerne auf, weil es meinen niedrigen Blutdruck ein wenig normalisiert. Nein, keine Ahnung, warum ich mir sowas immer wieder antue.


Der Artikel trieft förmlich von der Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man nur entspannt bleibt. Und mit entspannt bleiben ist in dem Fall unwissend bleiben und gegen ärtzlichen Rat handeln gemeint. Eine gebildete, gut situierte und nicht zuletzt weiße Frau, die sich gesund ernährt und gesund lebt und auch schlichtweg Glück hatte, von Schwangerschaftsübelkeit und 1000 weiteren möglichen Problemen während der Schwangerschaft und Geburt verschont worden zu sein, beklagt, dass sie im Wochenbett kein Yoga mehr machen konnte und spricht von einem "Urvertrauen in [ihren] Körper".


Entsprechend "erschlug [es sie] von allen Seiten" als ihr Umfeld sie fragte, ob sie schon eine Hebamme habe, sie die entsprechenden Nährstoffe zu sich nehme, die ihr Körper (ob vegan oder unvegan lebend) bei einer Schwangerschaft braucht, und ob sie wüsste, dass sie nichts Schweres heben solle - sprich: Die absoluten Schwangerschafts-Basics haben diese Frau, die GEPLANT (!), mit vollster Absicht schwanger geworden ist, 'erschlagen'. Sie habe davon abgesehen, sofort zu googlen, sei entspannt geblieben und habe auf ihren Körper vertraut... Ich werde mir diese geniale Ausrede merken für den Fall, wenn ich das nächste Mal komplett ahnungslos und unvorbereitet eine lebensverändernde Entscheidung treffe.


Stina Spiegelberg fasst ihre mangelnde Planungsfähigkeit so zusammen: "Neun Monate scheinen eine erschreckend kurze Zeit, um sich auf ein neues Leben einzustellen." Denn jeder weiß ja, dass man ZUERST gewollt schwanger wird und DANN anfängt, sich über das zu informieren, das jetzt auf einen zukommt. Und daran, dass diese Schwangerschaft kein Unfall war, lässt sie keinen Zweifel. Ich könnte nun noch weiter davon berichten, wie diese extrem privilegierte Frau, deren Mann zwölf Monate Elternzeit bekommen hat und die trotz unkomplizierter Schwangerschaft und Geburt beklagt, dass ihre bisherigen Routinen (Yoga, Meditation usw.) nach der Geburt nicht mehr umzusetzen waren, sich einen neuen Gynäkologen gesucht hat, der auch "alternative Heilmethoden" anbietet (zum Glück nennt sie nur Akupressur namentlich) oder dass sie sich allen Ernstes vorgestellt hatte, "bis zum Mutterschutz voller Elan weiterzuarbeiten". Damit will ich nicht sagen, dass man sich nicht einen Gynäkologen suchen sollte, bei dem man sich wohlfühlt (sollte man auch ohne Schwangerschaft machen) oder dass man nicht auch bis zur Geburt normal weiterarbeiten kann, wenn es einem gut geht... Wie man aber einfach davon ausgehen kann, dass das schon klappt, zeigt einfach nur, wie weltfremd und privilegiert diese Frau ist. 


Die Begründung für diese (naive) Annahme trifft weniger privilegierte Frauen dann auch wie ein Schlag ins Gesicht: "Ich stellte mir das nicht schwierig vor. Ich hatte ein Urvertrauen in meinen Körper, dass ich schaffen würde, was Millionen anderer Frauen vor mir geschafft hatten und wofür mein Körper gemacht war." Es ist dieser letzte Satz, der mich überlegen lässt, ihr persönlich an die unter dem Artikel abgedruckte Mail-Adresse zu schreiben und sie zu fragen, ob sie auch nur einen Milimeter über ihren (Kuchen-)Tellerrand geblickt hat. Diese Formulierung "wofür mein Körper gemacht ist" ist äquivalent zu einem großen Sch***haufen auf so viele Jahre und Jahrzehnte feministischer Arbeit und Mühen - von der Rücksichtnahme auf Frauen mit unerfüllten Kinderwunsch brauche ich wohl gar nicht erst anzufangen: Es findet sich in ihrem ganzen uninformierten Artikel nicht ein Wort dazu, wie viel unverschämtes Glück sie hatte. Ich glaube nicht, dass sie sich dessen bewusst ist - sie glaubt scheinbar einfach, da sie eine Frau ist, kann sie Kinder kriegen. Ja, sicher - vielleicht sollte sie ihren Kopf mal dazu verwenden, wozu er gemacht ist.


MEIN Körper mag in der Lage sein, ein Baby in sich wachsen zu lassen oder auch nicht - ich habe keine Ahnung - so oder so ist mein Körper nicht "dazu gemacht". Keine Gottheit oder "Mutter Natur" hat entschieden, diesen Körper dazu zu verdammen, Kinder auszutragen. Ja, der weibliche Körper ist im Durchschnitt daran angepasst, Kinder auszutragen und zu gebären - zumindest besser als ein männlicher Körper. Einfach davon auszugehen, dass jeder weibliche Körper das kann, ist naiv und überheblich - zu behaupten, der Körper sei dazu "gemacht" ist diskriminierend gegenüber Frauen, die bewusst von dieser "Körperfunktion" keinen Gebrauch machen wollen. Mein Körper kann vieles gut und vieles nicht gut. Ich kann nun entscheiden, was ich aus diesen Fähigkeiten und aus den Schwächen meines Körpers mache - ich kann ausprobieren, welche Probleme sich überwinden lassen und welche ich akzeptieren muss und vielleicht kann ich es schaffen, vermeintliche Schwächen in Stärken umzuwandeln. 


Zu der Aussage, mein Körper sei dazu gemacht, Kinder auszutragen, kann ich aber nur ein lautes "NEIN" in den leeren Raum rufen und mich ärgern, dass diese Frau so einen verquirlten Mist abdrucken darf - noch dazu in einem Magazin, in dem in jeder Ausgabe Colin Goldner vom Great Ape Project in seiner Sparte "rage & reason" gegen alternative Medizin, Esotherik, Heilpraktiker:innen und anderes Geschwurbel in unversöhnlichem Ton wettern darf. Letzteres freut mich natürlich (auch wenn ich manches von ihm zu einseitig finde und mir vor allem die Quellenangaben fehlen).


Daher mein Appell an alle Menschen mit Kinderwunsch, die sich VOR der Schwangerschaft über jede mögliche Komplikation informieren und alles verschlingen, was sich zum Thema Kinderkriegen und Elternschaft finden lässt: Ihr seid nicht überängstlich und verspannt, sondern verantwortungsbewusst. Ihr seid euch bewusst, dass sich euer Leben mit sehr großer Wahrscheinlichkeit deutlich ändern wird durch die Schwangerschaft und erst recht durch die Elternschaft. Ihr seid euch bewusst darüber, dass nicht immer alles gut läuft im Leben (vielleicht weil ihr auch schon mal erlebt habt, wie etwas schief läuft), dass man nicht immer Glück hat, dass der Körper noch lange nicht alles alleine perfekt regelt. Lasst euch von solchen Möchte-gern-Power-Frauen-Feelgood-Bloggern nicht einreden, ihr wärt überspannt, wenn eigentlich IHR die Power-Frauen (und Power-Männer) seid, welche sich in erster Linie auf Wissen und nicht allein aufs Bauchgefühl verlassen.


An alle Menschen mit unerfüllten Kinderwunsch (und darum vielleicht sehr traurigem Herzen): Euer Körper hat nicht versagt, Kinder zu gebären oder zu zeugen, er hat nicht versagt in dem, wofür er "gemacht" wurde. Er wurde gar nicht gemacht, sondern ist einfach nur entstanden - so wie jeder andere Körper auch. Um ein Baby zu produzieren, müssen viele Dinge mehr oder weniger perfekt ineinandergreifen. Nicht umsonst wird ein zugegebener Maßen alltäglicher Vorgang in einigen Kreisen zum "Wunder des Lebens" erhöht, wobei es weder ein Wunder ist noch eine Selbstverständlichkeit, sondern schlichtweg Zufall und damit Glück oder Pech (je nach dem, ob man schwanger werden möchte oder nicht). Es mag leichter sein, nach Gründen für dieses nicht vorhandene Glück, diesen Zufall zu suchen - ob es glücklicher macht, weiß ich nicht. Ich halte jedoch nicht viel davon, zufällige Ereignisse künstlich mit Erklärungen zu unterfüttern und sich selbst zu belügen - und schon gar nicht sollte man sich derartige Lügen von einer Person präsentieren lassen, der ein unerfüllter Kinderwunsch nicht mal eine Randbemerkung wert ist.


Und zu guter Letzt an alle Menschen, deren Körper gewollt kinderfrei bleibt: Freut euch! Ihr erspart euch unter Umständen viel Leid, auf jeden Fall aber viele Unanehmlichkeiten und viel Stress. Euer Körper kann seine Kraft für andere Dinge aufwenden, die euch mehr bedeuten als Babygeschrei, Schultütenbasteln und Kindergeburtstage. Das muss keine Karriere sein - auch sonst nichts Herausragendes, das irgendwie "rechtfertigt" keine Kinderbetreuung für 18 Jahre plus geleistet zu haben. Seid einfach keine Arschgeigen - dann habt ihr schon mehr gemacht als viele andere Menschen. Wenn ihr das nächste Mal spazieren geht, auf dem Klo sitzt, Musik hört, einen Film schaut, ein (hoffentlich veganes) Essen verspeist... seid einfach froh, dass euer Körper alle diese Dinge kann. Wenn er mehr als das kann, ist das eine nette Zugabe, die ihr keinesfalls nutzen müsst. Ich muss auch keinen Marathon laufen - auch wenn ich vermutlich mit entsprechendem Training dazu in der Lage wäre. Es gibt auch Dinge, die mein Körper nicht besonders gut kann, obwohl die meisten anderen Körper das problemlos schaffen. Das ist halt so - damit lebe ich, auch wenn ich es mir manchmal anders wünsche. 


Für alle, die niemals Eltern werden wollen: Fühlt euch nicht schlecht, wenn ihr (schon wieder) keine Freude über ein Kinderlachen empfindet, sondern einfach nur Erleichterung, dass ihr dieses Kinderlachen nicht den ganzen Tag hören müsst - das ist ok. Es gibt genug Menschen auf dieser Welt, die dieses Kinderlachen hören wollen und manche gehen enorm weit dafür, um sich diesen Wunsch zu erfüllen. Ihr gehört nicht dazu und das ist auch gut so. Diese Gesellschaft braucht Menschen, die keine Kinder haben - die auch zur Arbeit kommen, wenn die Kita streikt, und die die Schicht derer übernehmen, die wegen kranker Kinder zu Hause bleiben müssen. Die Gesellschaft braucht Menschen, die den Kopf frei haben für andere Themen - Menschen, die sich vielleicht voll und ganz auf die Wissenschaft konzentrieren, die ihrem Leben dem Aktivismus widmen, die einen Gnadenhof aufbauen, in der Politik tätig werden oder auch gar nichts von alledem... Menschen, die einfach zeigen, dass es auch ohne Kinder geht - und es geht so wunderbar, oder nicht? Ich bin jeden Tag dankbar, wie gut es mir geht, nicht obwohl, sondern WEIL ich keine Kinder will.   

 

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