Der Tag der Maus

Samstag, 01.09.: Der Tag der Maus

"Nein, das kann ich nicht", höre ich aus der Küche. "Hm, ja, keiner von uns kann das", sagt eine zweite Stimme. Meine Kollegin kommt mit einem Stapel gespülter Teller nach vorne. "Was ist los?", frage ich und sie antwortet: "Eine Maus steckt in der Falle fest."

oh mist.

Ich schaue auf die Halterung für die Bons neben der Kaffeemaschine. Sie ist leer. Das ist gut. Ich habe alle Kaffees, Tees, Kuchen und Schorlen abgearbeitet.
"Und jetzt?", frage ich und kenne die Antwort schon: Keiner will sie rausholen.
"Ich mach das", sage ich, mein Herz schlägt.

ich muss zu ihr. ich muss ihr helfen. vielleicht kann ich sie retten. vielleicht kann ich ihr wenigstens die schmerzen ersparen. die anderen können das nicht. sie werden sich ekeln. sie werden ihr noch mehr schwerzen zufügen. ich muss das machen. sie braucht mich. jetzt.

Die nächsten Schritte, die ich mache, sind die sichersten an diesem Tag. Meine Füße stoßen sich fest vom Boden ab. Alles verlangsamt sich, ich bin ganz bei mir. Mit zwei gezielten Griffen ziehe ich erst den einen, dann den anderen Einmalhandschuh über meine Hände und gehe hinunter in den Keller, wo die Kuchen gebacken werden.

"Steckt die Maus noch fest?" frage ich die Konditorin, als ich unten angekommen bin. "Ja, da hinten", sie deutet in eine Ecke.
"Ich mach das", höre ich mich schon wieder mit dieser Sicherheit sagen.
"Aber du musst sie nachher töten", sagt die Konditorin.
Ich nicke. "Das ist okay."

nein, ist es nicht. es ist nicht OKAY. ES IST NICHT OKAY!!!!

Ich gehe zwei Schritte auf die Ecke zu, in der die Falle steht und es dämmert mir. Es dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde, bis mir klar wird, dass ich mir etwas anderes vorgestellt habe. Über die Betriebsferien habe ich das Mausefallenproblem vergessen. Wie konnte ich so dumm sein? Ich habe mir - wohl in Erinnerung an meine Kindheit - eine Maus vorgestellt, die mit ihrem Bein in einer typischen "Schnapp-Mausefalle" hängt. Schnapp - tot.

Die Erinnerung an das Mausefallenproblem kommt zurück. "Schnapp-Mausefallen" waren nicht erfolgreich gewesen. Die Mäuse waren teilweise zu clever, teilweise war ich diejenige gewesen, die beim abendlichen Putzen die Fallen mit einem Messer hatte schnappen lassen, um die Mäuse zu verschonen. Ich war mitschuld an dem Anblick, der mich gleich erwarten würde, denn statt der üblichen "Schnapp-Mausefallen" hatten meine Chefs Klebemausefallen aufgestellt: aufklappbare Pappstücke mit einer honigähnlichen Substanz beschmiert. Klebefliegenfallen für Mäuse.

Ich habe darüber im Internet gelesen, habe gelesen, wie grausam diese Fallen sind. Meistens reißen sich die Mäuse in ihrer Panik Gliedmaßen ab oder fangen an, diese abzubeißen, um sich zu befreien. Oft sterben sie aber an Herzversagen, weil sie der Angst und Panik nicht Herr werden. Im allerschlimmsten Fall verdursten und verhungern sie vermutlich. Daher dürfen diese Fallen nicht unbeobachtet aufgestellt werden. Es ist mir klar, dass das hier nicht beachtet wird, auch wenn ich es nicht beweisen kann. Aber diesmal ist die Konditorin ja in der Nähe gewesen, oder? Die Maus kann ja noch nicht lange in der Falle sein, oder? Ich könnte sie mit nach oben nehmen und sie mit ein wenig Öl befreien, wie in diesem einem YouTube-Video gezeigt wurde und sie heimlich bei den Mülltonnen freilassen, oder?

Als ich um die Ecke komme, packe ich all diese Ideen und schmeiße sie über Bord.

da ist blut. nein, das sind organe. das sind die eingeweide.

Die Maus ist mit ihrer kompletten Unterseite platt auf der Pappscheibe festgeklebt, als habe sie einen Bauchplatscher gemacht. Die Vorderpfoten nach vorne ausgestreckt, schwach rudernd, die Hinterpfoten starr nach hinten gestreckt, unbeweglich. Sie ist kurzatmig, ihr Herz schlägt sichtbar an ihrem sich hebenden und senkenden Brustkorb.

Während ich die Klebefalle langsam von der dahinterliegenden Klebefalle befreie, um sie hochzuheben, schießt mir eine Erinnerung an eine tote, halb ausgetrocknete Maus in den Kopf, die ich als Kind in meinem Elternhaus auf dem Speicher unter der Heizung gefunden habe: Mein Vater ist auf der Arbeit gewesen, meine Mutter und mein Bruder ekelten sich vor Mäusen und vor toten Tieren (außer in essbarer Form) und jemand musste diese Maus "wegmachen". Da meine Neugierde meinen Ekel weit überragte, voluntierte ich für diese Aufgabe und es schien mir am sinnvollsten, die Maus einfach an ihrem starr nach hinten ragenden Schwanz unter der Heizung hervorzuziehen. Dabei löste ich ihren Körper von der fest am Boden klebenden Bauchdecke ab und bekam einen unfreiwilligen Einblick in das Innere dieses Wesens. Außerdem lernte ich an diesem Tag, dass Bauchdecken von Mäusen sich nur schwer von Holzböden entfernen lassen.

Genau das würde mit dieser Maus passieren - nur, dass diese Maus noch bei vollem Bewusstsein ist. Es ist durch ihre Befreiungsversuche auch schon teilweise passiert - ich bin zu spät gekommen. Sie hat sich selbst schon große Teile ihrer Bauchdecke abgerissen und aus ihr hinaus quillen blutige Innereien, vermutlich hauptsächlich Darm und Reproduktionsorgane. Eine Welle Mitleid nach der anderen durchdringt meinen Körper. Als ich die Falle samt Maus hochhebe, sage ich leise: "Ist gut, es ist gleich vorbei."

Dahin ist mein Plan, sie heimlich frei zu lassen. Mir bleibt nur noch die Aufgabe, sie von ihrem Leid so schnell und schmerzlos wie möglich zu befreien. Ich laufe mit der Falle in der Hand zur Konditorin und frage, womit ich ihr "eins überziehen" kann. Wir kommen zu dem Schluss, dass der Gegenstand möglichst schwer sein muss, leicht zu reinigen und nicht zerbrechlich. Nachdem wir eine halbe Minute lang erfolglos überlegt und durchs Lager geschaut haben, kommt mir die "passende" Idee.

die mülltonne

"Ich weiß, was ich mache", sage ich. Ein fragender Blick. "Ich hebe die Restmülltonne hoch, schiebe sie mit der Falle drunter und lasse die Mülltonne auf sie drauf fallen." Das Gesicht der Konditorin verzieht sich angewidert. "Okay, mach das." Dann verschwindet sie schnell wieder zu ihren Kuchen.

es wird ganz schnell gehen. sie wird davon gar nichts spüren. es muss jetzt alles ganz schnell gehen. sie leidet. 

Ich gehe zu den Mülltonnen in den Innenhof und lege die Falle vor der schwarzen Mülltonne ab. Ein letztes Mal schaue ich die Maus an und überlege, ob es nicht doch anders geht. Sie atmet immer noch wie verrückt, ihr Herz rast. Hinter der Mauer rechts von mir essen die Cafégäste ihr Frühstück, manche vielleicht sogar schon ihr Mittagessen. Durch das kleine gekippte Oberlicht kann ich das einheitliche Gemurmel hören und die Geräusche von Geschirr und Besteck. Ein Lachen. Sie trinken gerade literweise die Muttermilch von Kühen, deren Kälber längst ermordet sind. Manche von ihnen essen die unbefruchteten Eier weiterer leidender Kreaturen, andere die spottgünstigen Leichenteile von Schweinen, Puten oder Masthähnchen - Überbleibsel eines kurzen qualvollen Lebens und eines grausamen Todes. Die meisten von ihnen sitzen mitten im Tod - mitten im Mord. Und von dem Mord, der in wenigen Sekunden keine zehn Meter von ihnen entfernt stattfinden wird, trennt sie nur eine dünne Wand.

"Sch...sch... es ist gleich vorbei", sagte ich zu meinem Mäuschen (und zu mir selbst). Ich will weinen, aber es geht hier nicht um mich, sondern um dieses arme Wesen, für welches das Beste, das ich noch tun kann, der schnelle Tod ist; von dem ich nichts weiß, außer seine Spezies - nicht, ob es vielleicht ein Jungtier ist oder eine säugende Mutter, nicht, woher es kommt und nicht, wohin es will. Ich weiß, dass dieses Wesen eine Maus ist und ich weiß, dass es leidet.

Ich hebe die Mülltonne an und schiebe die Falle langsam mit dem Fuß darunter. Die Maus beginnt sich schnell und panisch zu bewegen, so gut sie kann. Es muss auf sie wirken, wie der schwarze große Abgrund. Ein riesiges Maul, das sich auftut, um sie zu verspeisen.

jetzt. tu es.

Ich ziehe die Mülltonne runter. Bumm. Es erklingt ein dumpfer Schrei wie ein Quieken und ein Geräusch, als würde die Luft entweichen. Dann Stille.

Ich zähle innerlich bis drei, dann hebe ich die Mülltonne wieder an und ziehe die Falle hervor.

scheiße, sie bewegt sich noch. scheiße.

Die Maus zuckt spastisch mit den starr ausgestreckten Hinterläufen. Ich habe das schon mal gesehen, schon häufig, um ehrlich zu sein. Meine Katze hat gezuckt, nachdem sie eingeschläfert worden ist und auch einige der Tiere, die ich in meinem Tierarztpraktikum habe sterben sehen.

Ich schaue auf ihren Kopf, aus dem ihr Gehirn an der Seite rausquillt. Ich schaue auf ihren Brustkorb. Kein Herzschlag, kein Heben und Senken des Brustkorbs. Sie ist tot. Die Zuckungen kommen nur noch von den Nerven. Sie halten unglaublich lange an. Ich bleibe dort hocken und schaue zu und bin traurig. Mir ist übel. Ich habe sie getötet. Ich bin so traurig.

Stille. Die Zuckungen sind vorbei. Neben mir Messerkratzen auf Tellern, das Gebrabbel einer Menge, die ich nicht kenne, zu der ich gleich zurück muss, der ich Milch und Eier und Wurst servieren muss.

Nun kommt der nächste logische Teil meiner "Arbeit", der mir ebenso falsch vorkommt, wie all das, was ich in den vergangenen Minuten getan habe. Ich klappe die Pappfalle zu, um meinen Kolleginnen den Anblick zu ersparen. Ich gehe Richtung Küche, drücke die Klinke mit dem Ellbogen runter, stecke meinen Kopf durch die Tür, die Falle auf der anderen Seite weit weghaltend, und frage nach einer Mülltüte. Einen unangenehmen Wortwechsel später lasse ich die Falle in die Mülltüte fallen und knote diese zu. Danach öffne ich die Mülltonne, mit der ich gerade erst ein Leben ausgehaucht habe, und werfe die eingetütete Maus hinein. Handschuhe ausziehen, reinwerfen, Deckel zu.

Nun ist die Maus nichts weiter als ein Stück Müll, das am Donnerstag Morgen abgeholt wird. Mein Herz schlägt, mir ist übel. Ich gehe in die Küche, atme einmal tief durch, pumpe eine gute Portion Flüssigseife auf meine Hände, wasche mir die Hände gründlicher als sonst, trockne sie ab und gehe zurück zur Kaffeemaschine.

Es ist ruhiger geworden im Café. Meine Kolleginnen haben alle Bestellungen, die in meiner Abwesenheit aufgegeben wurden, abgearbeitet. Einige Gäste sind gegangen, ihr Geschirr steht noch auf den Tischen, zusammen mit den Resten: Brot, Marmelade, Leichenteile.

es ist vorbei. ich will nach hause. ich will in mein bett, nach hause.

"Die Maus ist übrigens erledigt", sage ich zu meiner Kollegin.

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